Im Januar 2024 habe ich hier im Blog über mein Depot geschrieben. Ich war tief von der Literatur beeinflusst die uns alle prägt: Kaufe Qualität, sei geduldig, halte an deinen Werten fest.
Ich wollte als Anteilseigner denken. Wir bewundern Leute mit Diamon Hands. Vielleicht nicht zu unrecht. Aber dennoch, für mich passt dieser Ansatz nicht mehr. Schon lange nicht mehr.
Das Ergebnis war ein Depot mit rund 40 Positionen zum Höhepunkt. Ich hatte Schwergewichte wie Amazon oder Microsoft, aber auch „solide“ Firmen wie Siemens. Ich habe mich über die Produkte im Alltag gefreut und mich als Teil des Ganzen gefühlt. Doch das war eine Falle. Bei einer Microsoft habe ich 2016 zugeschlagen, nach ihrer Cloud first, Mobile first Strategie. Bei Amazon 2020.
Ich habe jahrelang so getan, als müsste ich „treu“ sein. Als müsste ich beweisen, dass ich an das Unternehmen glaube. Dabei ist die Wahrheit so simpel wie brutal: Die Aktie weiß nicht, dass ich sie habe.
Ihr ist es völlig egal, ob ich sie bei -50 % halte, ob ich bei der Hauptversammlung Händchen halte oder ob ich ihr seit Jahren die Treue schwöre. Wenn der Kurs fällt, fällt er. Wenn das Momentum weg ist, ist es weg. Diese Einsicht war der Startpunkt eines Prozesses, der mein Investieren grundlegend verändert hat. Angefangen im Herbst 2023 hat das Nachdenken im Urlaub was in mir gestartet.
Der Weg zum System-Investor
Ich habe eine lange Transformation hinter mir. Es war ein schleichender Prozess, das „Treudoof-Gen“ abzulegen. Mein Salesforce-Investment war das Paradebeispiel dafür: Ich kannte die Firma, ich war überzeugt – und als sie 50 % verlor, habe ich sie stur gehalten. Dass ich dort mit einer ±0-Rendite rauskam, war reines Glück.
Oder PayPal: Ich lag zeitweise 300 % in 2021 vorne, habe aber die Korrektur ausgesessen, weil ich „geduldig“ sein wollte. Am Ende bin ich 2022/23 mit +80 % raus.
Das ist kein Erfolg, das ist eine verschenkte Chance durch mangelnde Systematik.
Ich verstehe mich nach wie vor als Investor, nicht als Trader. Aber ich bin heute ein System-Investor. Das bedeutet: Nicht der Name der Aktie zählt, sondern das System, nach dem ich handle. Das das nicht immer einfach sein wird, stur danach zu handeln versteht sich von selbst. Ich habe mir ein Manifest geschrieben. Regeln, die mir sagen wann ich was machen möchte. Kaufen, Verkaufen, Aufstocken und auch um wieviel % usw. Es ist fortlaufend. Aber das ganz große Gerüst steht. Details werden ergänzt , mit der Zeit.
Keine Monarchie im Depot
Nachdem ich auf X geteilt habe, dass ich meine Nvidia-Position weiter reduziere, kamen die Fragen: „Was kaufst du stattdessen? Was ist der Nachfolger? Wieso verkaufst du, die sind doch DAS KI Unternehmen“
Diese Fragen offenbaren ein Denken, von dem ich mich gelöst habe: Die Suche nach einem „Nachfolger“, als wäre mein Depot eine Monarchie, in der ein König ersetzt werden muss. Doch für mich ist mein Depot keine Monarchie – es ist ein Markt. Ich bin mittlerweile selbst davon überrascht, wie ruhig mich das lässt: Ein Verkauf von Nvidia löst absolut nichts mehr in mir aus. Gar nichts. Jahrelang habe ich das Unternehmen eng begleitet, die Nachrichten verfolgt – doch heute ist der Verkauf nur noch ein technischer Vorgang. Die Aktie ist bei mir im Depot Geschichte nach 6300% Geschichte. Ein Ausreißer, wie ich ihn so schnell nicht haben werden, aber auch nicht mehr brauche. Ich habe durch die Nvidia-Schule viel gelernt.
Es gibt keinen festen Thronfolger, den ich aktiv ernenne. Der Nachfolger wird sich selbst benennen. Er wird durch Performance und mein System aus der Masse herausstechen.
Der Steuer-Mythos & Eiseskälte gegenüber Namen
Ein Argument, das ich früher oft gehört habe, ist: „Ich verkaufe nicht, um keine Steuern zu zahlen.“
Heute sehe ich das komplett anders: Ich zahle lieber Steuern auf realisierte Gewinne, als Opportunitätskosten auf tote Bestände zu zahlen.
Ich habe mittlerweile eine Eiseskälte gegenüber Namen entwickelt. Selbst eine Nvidia, die mein Depot über Jahre hinweg maßgeblich getragen hat, ist bei mir nicht mehr „sicher“. Wenn die Zahlen oder mein System es verlangen, wird reduziert oder verkauft. Wer nicht liefert, fliegt. Ich halte keine Aktien mehr, um Teil von etwas zu sein – ich halte sie nur noch, solange sie das effizienteste Instrument für mein Kapital sind.
Wenn Warren Buffett in einem seiner Läden etwas schiefläuft, ruft er dort den CEO an oder wird angerufen werden. Er hat Einfluss. Ich habe diesen Einfluss nicht. Wenn es bei meiner Aktie brennt, werde ich nicht informiert – ich merke es erst, wenn der Kurs bereits unter Druck steht.
Fazit
In meinem Depot herrscht seit einiger Zeit Darwin: Es gibt keinen Platz mehr für Nostalgie. Natürlich gibt es Positionen, die ich auch lange halte – aber sie müssen sich ihren Platz jeden Tag aufs Neue verdienen. Und sie dürfen gerne wieder kommen, wenn sie performen.
Wer Sprünge machen will, muss verstehen: Diversifikation schützt vor Ruin, aber Konzentration schafft Wohlstand. Ich bin nicht mehr der „treudoofe“ Aktionär, der bei -50 % auf das Glück hofft oder bei +300 % zusieht, wie der Gewinn wegschmilzt, nur um eine Steuerzahlung hinauszuzögern. Ich hätte lieber die Steuern gezahlt und 300% genommen als 80% bei PayPal damals.
Ich setze heute konsequent um, was viele nur predigen, aber selten leben: Verliebe dich nicht in eine Aktie – und verliere kein Geld.
Es war ein langer, schmerzhafter Prozess, diesen Ballast abzuwerfen. Aber heute ist mein Kopf frei für das, was zählt: Das Kapital aktiv in die nächste Chance zu bewegen, statt es in der Nostalgie der „bekannten Namen“ zu parken. Und mit dem fokussierten Ansatz und dem Kapital heute brauche ich auch keine 6300% mehr, um mich auf ein höheres Level zu heben.
Die letzten Wochen waren für mich besonders intensiv. Ich habe das Depot, die letzten Reste komplett auf Links gedreht, mein System implementiert und musste auch während dem Umbau direkt auf Entwicklungen reagieren. Das war sehr sehr fordernd. Jetzt hat sich das ganze etwas eingespielt. Deswegen werde ich bald wieder ein Depotupdate posten. Verpasst den Beitrag nicht.
Und an dieser Stelle ein Danke an die wachsenden Newsletter-Abonnenten die meinen Weg und Ideen verfolgen.🙏
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